Geschichte Madagaskars
Die Besiedlung der Insel Madagaskar begann vor rund 1500 Jahren. Erste frühe Königreiche gründeten sich im 14. Jahrhundert. Piraten ließen sich im 17. Jahrhundert an den Küsten nieder. Madagaskar wurde ab 1794 zum Königreich Madagaskar vereinigt. Im 19. Jahrhundert konkurrierten die europäischen Kolanialmächte um politischen Einfluss. 1896 wurde Madagaskar schließlich französische Kolonie. Im 19. Jahrhundert erforschten auch erste Deutsche die rote Insel oder gründeten Handelshäuser. Seit 1960 ist Madagaskar erneut ein unabhängiger Staat. Heute ist Madagaskar laut Verfassung eine demokratische Präsidialrepublik. 2009 kam es zu einem gawaltsamen Militärputsch.
Die
Besiedlung Madagaskars
Seit dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist die Chronologie der Besiedlung gesichert. Es waren austronesische Seefahrer aus dem 6000 km entfernten südostasiatischen Raum, hier insbesondere aus dem heutigen Borneo, auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten und tropischen Handelsprodukten, die immer wieder die rote Insel ansteuerten. Der erste Siedlungspunkt war damals wahrscheinlich die kleine Insel Mangabe in der Antongil-Bucht im Nordosten von Madagaskar, die von der Masoala Halbinsel gebildet wird.
Wie
man heute durch Ergebnisse von Sprachforschungen belegen kann, haben
die austronesischen Völker bereits in dieser frühen Phase
einen Raum besiedelt, der den halben Erball umspannte und von den Osterinseln, über
Polynesien und Hawaii im Osten des pazifischen Ozeans, die indonesischen
Inseln bis über den Indischen Ozean nach Madagaskar im äußersten
Westen reichte!
Die große Insel Madagaskar hatte in der Vergangheit schon viele Namen. Die Bezeichnung "Madagaskar" tauchte erstmals 1298, allerdings in einer anderen Schreibweise bei Marco Polo in den Berichten der Seefahrer auf. Der Nürnberger Kartenmacher Martin Behaim hat 1492 in seinem Erdglobus eine „Madagascar Insula“ eingetragen. Zuvor wurde die Insel von den Arabern im 10. Jahrhundert als Qomr (Mondinsel) bezeichnet. Der portugiesische Seefahrer Diego Diaz nannte sie 1500 Sao Lourenço, woraus im Französischen St. Laurent, die Lorenz-Insel wurde. Auch die Bezeichnungen Saint-Georges und Ile Dauphin wurden im 16. und 17. Jahrhundert von den Europäern verwendet. Erst im 17. Jahrhundert hat sich der Name Madagaskar (heutige madagassische Schreibweise: Madagasikara) auch bei den Einheimischen durchgesetzt, die ihre Insel bis dahin unter anderem auch Nosim-Dambo, die Insel wilden Schweine, nannten.
Im
10. Jahrhundert (945 - 946) unserer Zeitreichnung kam es zu einer regelrechten
indonesisch-malaiischen Invasionswelle in den afrikanischen Raum zur
afrikanischen Ostküste und nach Madagaskar. Später, im dreizehnten
Jahrhundert, eroberten die Malaien Sumatra und Aden und trieben eifrig
Sklavenhandel.
Auch afrikanische Bantu waren an der frühen Besiedelung der Nordwestküste Madagaskars beteiligt, sowohl als eigenständige Gruppe, als auch als Mischlinge mit den indonesischen Einwanderern, die wahrscheinlich auch Station an der afrikanischen Ostküste gemacht hatten. Im 10. Jahrhundert drangen die ersten dieser bantu-indonesischen Mischlinge in das Innere der großen Insel vor, wo sie im Hochland das sagenhafte und bis heute rätselhafte Volk der Vazimba bildeten, das seit dem 17. Jahrhundert verschwunden ist oder sich mit den neuen Bewohnern vermischte. Auf jeden Fall sind die Vazimba seit jener Zeit nicht mehr als geschlossene Bevölkerungsgruppe aufgetreten, auch wenn viele Könige und auch heute noch lebende Merina, die sich Antehiroka nennen, in den Vazimba ihre direkten Vorfahren sehen.
Im
9. und 10. Jahrhundert kamen außerdem arabische Einwanderer nach
Madagaskar, die sich vorwiegend an der Nord- und Ostküste in der
Gegend von Vohemar niederließen. Der Zustrom arabischer
Einwanderer und Handelsbeziehungen zu den arabischen Ländern setzten
sich auch den nachfolgenden Jahrhunderten fort. Auch die erste Schrift,
die in Madagaskar verwendet wurde, das –› sorabe,
ist arabischen Ursprungs. Dies gilt genauso für die Kenntnisse
der Astrologie und die Monatsnamen des Mondkalenders (s. auch –› Brauchtum).
Die frühen arabischen Einwanderer nannten die Insel komr ("Mondinsel").
Diese Bezeichnung hat sich später für die banachbarte Inselguppe
der Komoren eingebürgert.
Auch heute noch leben vereinzelt muslimische Bevölkerungsgruppen aus dieser frühen Siedlungsperiode in den Küstenregionen. Mit der Ausbreitung der europäischen Interessen im Indischen Ozean seit dem 16. Jahrhundert wurden allerdings einige der arabischen Siedlungen und Niederlassungen zerstört.
Eine
zweite, neuere Einwanderungswelle aus dem indonesischen Raum kam direkt
aus Südostasien über den indischen Ozean an die Ostküste
Madagaskars. Diese Einwanderer besiedelten in Schüben zwischen
dem 10. und 13. Jahrhundert das bereits von den Vazimba bewohnte
Hochland. Man kann davon ausgehen, dass die Insel Madagaskar bereits
im 11. Jahrhundert vollständig, wenn auch nur sehr dünn besiedelt
war. Durch den Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen bildete
sich wahrscheinlich auch in dieser Zeit die einheitliche –› madagassische
Landessprache heraus. Es bleibt allerdings rätselhaft, warum
sich auf der riesiegen, damals kaum erschlossenen Insel nur eine einzige
Sprache etablieren konnte, die zwar Worte aus verschiedenen Kulturräumen
assimilierte, aber trotzdem landeseinheitlich gesprochen wurde und
bis heute gesprochen wird.
Die
frühen Königreiche Madagaskars
Die große Insel Madagaskar war früher ein Land mit vielen Chefs (tany maro andriana). Jedes Tal, jedes Dorf hatte einen eigenen Regenten (madagassisch: mpanjaka oder filoha). So bildeten sich über die Jahrhunderte Dutzende von kleinen Königreichen auf der ganzen Insel, die meist in starken Familienverbänden organisiert waren.
Die wichtigsten Königreiche dieser frühen Epoche, die mit der beginnenden politischen Einigung Madagaskars gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts endete, waren das Reich der Vazimba im Hochland, aus dem später das Reich der Merina, das Imerina, hervorging, die Reiche Menabe (südlich) und Boina (nördlich) der Sakalava im Westen, das Reich der Betsimisaraka im Osten der Insel und das Reich der Bara im südlichen Hochland.
Siedlungsversuche von Europäern, die seit dem 16. Jahrhundert immer wieder unternommen wurden, scheiterten in Regel bereits nach wenigen Jahren am Widerstand der Urbevölkerung. Auch die Piraten des 17. Jahrhunderts konnten sich nicht dauerhaft auf der roten Insel halten, begründeten aber die Volksgruppe der Betsimisaraka mit.
Die Vazimba
Die rätselhaften Vazimba sind die die sagenumwobenen Ureinwohner
des Hochlandes ("die schon immer da waren"). Sie besiedelten
schon seit dem 10. Jahrhundert, also lange vor den heutigen Bewohnern,
den heute dort ansässigen Merina und Bara, das Zentrum der Roten
Insel und gründeten zahlreiche kleine Königreiche, unter
anderem das von Anjalamanga, dem heutigen Antananarivo, wo
König Andriampirokana Ende
des 16. Jahrhunderts regierte. Seine beiden Söhne Andriambodilova
und Ratsimandafika wurden später von den Merina (König
Andrianjaka) von Analamanga vertrieben. Die inoffensiven
Vazimba waren der Überlieferung nach nur mit Holzspeeren bewaffnet
und damit waffentechnisch den nachrückenden malaiischen Zuwanderern
mit ihren eisernen Waffen, die im 14. Jahrhundert in das Innere der
Insel vordrangen, unterlegen und konnten deswegen leicht von ihnen
aus ihren Ansiedlungen im Hochland verdrängt werden.
Die "Vazimba-Kriege" spielten sich im 14. und 15. Jahrhundert ab. Viele Ansiedlungen der Vazimba wurden jedoch nicht zerstört, sondern von den Merina besetzt oder auch durch Heiratsallianzen übernommen. Die Grenzen zwischen Angehörigen der Stämme der Vazimba und der Merina verwischten sich.
So gelten die beiden Vazimba-Königinnen Rafohy und ihre Tochter Rangita aus Merimanjaka als Urahninnen der Merina und werden noch heute von ihnen verehrt. Sie regierten anfangs des 16. Jahrhunderts das kleine Königreich von Merimanjaka, nur wenige Kilometer von Antananarivo gelegen. Die Königsgräber von Merimajaka gelten auch heute noch als heilige Stätten, auch wenn es eine Legende gibt, die besagt dass die beiden Königinnen nicht hier sondern im benachbarten See in einer Piroge beigesetzt wurden, die mit einer zweiten umgedrehten Piroge bedeckt war.
Die Vazimba als eigenständige ethnische Gruppe sind seit dem 17. Jahrhundert durch Verdrängung fast vollständig verschwunden und haben sich durch Vermischung mit anderen Stämmen aufgelöst. Die adligen Angehörigen der Bevölkerungsgruppe der Antehiroka fühlen sich heute in der Nachfolge der Vazimba. Der letzte Rückzugsort unabhängiger Vazimba soll sich im Gebiet der Tsingy im heutigen Nationalpark von Bemaraha befinden, wo man einige uralte Gräber gefunden hat.
Die Merina-Reiche bis 1787
Im 10., 11. und 12. Jahrhundert kamen "neue" malaiisch-indonesische Einwanderer nach Madagaskar, wo sie sich zunächst an den Küsten ansiedelten. Im Laufe weniger Jahrzehnte drangen sie bis zum Zentrum der Insel vor, in das heutige Imerina-Gebiet (ursprünglicher Name: Ankova) im zentralen Hochland. Die oralen Überlieferungen der Merina berichten, dass ihre Vorfahren aus andafy, einem Land jenseits des großen Meeres kamen und in der Bucht von Antongil am nördlichen Abschnitt der Ostküste landeten.
Die
neuen Einwanderer werden in der Literatur oft als "Hova" bezeichnet.
Dieser Begriff hat sich als Bezeichnung für den Stamm der Merina eingebürgert.
Aber eigentlich sind die Hova nur eine soziale Gruppe in der Bevölkerungshierarchie
der Merina. Sie bilden die große Gruppe der freien Bürger.
Im Hochland, in der Ebene des Ikopa-Flusses entdeckten die Einwanderer der Legende nach die wilde Reispflanze, die sie von nun an kultivierten.
Die "neuen" malaiischen Einwanderer lebten wohl eine Zeit lang mit den bereits im Hochland ansässigen Vazimba zusammen. Einige Generationen genügten, um die ersten kleinen Königreiche der Merina zu begründen. Die Schwierigkeit der Zuordnung von exakten Jahreszahlen zu den Herrschaftsperioden der einzelnen Könige ist begründet im Fehlen eines Sonnenkalenders, der die Jahressprünge zählte. Der zwölfmonatige Mondkalender war für eine Jahreszählung nicht geeignet. Auch gibt es in den ersten Jahrhunderten keine Kontinuität, was die Königssitze angeht. Oft verlegten die Nachfolger ihren Königssitz in einen anderen Ort oder gründeten einen neuen Ort als Hauptsitz. Einige Königssitze wurden in der Folge komplett aufgegeben und zerfielen.Die heutigen Kenntnisse über die Geschichte der Königreiche von Madagaskar basieren auf mündlichen Überlieferungen, die im 19. Jahrhundert von zwei Historikern, dem französichen Pater Callet und dem madagassischen Gelehrten Raombana gesammelt und aufgezeichnet wurden.
Die Überlieferung (nach P. Callet) berichtet von den ersten Merina- bzw. Vazimba-Königen im 14. Jahrhundert:
- Andrianerinerina in Anerinerina,
- Andriananjavonana in Angavoatsinananana,
- Andrianamponga in Fanongoavana,
- Andriandranolava in Ambatomanoina,
- Andrianamboniravina in Ambatondrakorikia;
im 15. Jahrhundert regierten Vazimba-Könige in Ampandrana, südlich von Antananarivo:
- Andriampandrana in Ampandrana,
- Rafandrandava in Ampandrana,
- Ramasindohafandrana in Ampandrana,
- Rafandrampohy in Ampandrana
- Rafandramanenitra in Ampandrana.
Anfang des 16. Jahrhundert regierten die beiden Vazimba-Königinnen Rafohy (Tochter von Rafandramanenitra) und ihre Tochter Rangita. Sie gelten als die Urahnen der Merina. Sie verlegten Ihren Königssitz von Amandrana nach Imerimanjaka.
Andriamanelo war der Sohn von Königin Rangita. Er ließ sich in Alasora nieder, wo er zum Schutz einen breiten Graben rund um den Königssitz ziehen ließ, eine Befestigungsmethode, die noch lange Zeit üblich war im Reich der Merina. Der Zugang zum Königssitz war nur durch zwei enge Pforten möglich. Er vergrößerte sein kleines Königreich durch Unterwerfung der Nachbardörfer der Vazimba, wobei er als erster Lanzen mit Eisenspitzen (sagai) benutzte. Er führte den Brauch den Beschneidung der Jungen ein. Sein jüngerer Bruder, der ebenfalls Anspruch auf den Königstitel erhob, wurde ermordet. Andriamanelo wurde in Alasora beigesetzt. Seine Grabstätte wird noch heute verehrt.
Von 1575 bis 1610 herrschte Ralambo der Sohn von König Andriamanelo. Er verlegte seinen Königssitz nach Ambohitrabiby. Ralambo wird die Einführung des Badefestes zugeschrieben. Der König wurde eine heilige Person, ausgerüstet mit sampy (königliche Talismane), die ihn auf magische Weise über alle Menschen stellten. Er verfügte außerdem als erster Merina-König über Gewehre.
Noch zu Lebzeiten hatte Ralambo seine Nachfolge geregelt und seinen Sohn Andrianjaka zum Nachfolger auserwählt. Andrianjaka nahm 1610 den Hügel Analamanga ("blauer Wald") auf der höchsten Erhebung des heutigen Antananarivo ein und vertrieb die dort ansässigen Vazimba und ihren König Andriambodilova, der sich anschließend in Ambohimanarina niederließ, wo er auch beigesetzt wurde.
Andrianjaka rodete den "blauen Wald" und baute auf dem Hügel Analamanga seinen Königssitz, den ersten Palast auf dem Gelände des heutigen Rova und begründete damit den Kern der heutigen Hauptstadt von Madagaskar, Antananarivo. Er wünschte sich, dass sie tausend würden, wovon sich der Name Antananarivo (ho arivo an-tanana) ableitet. Sein Haus war das erste Bauwerk auf dem Gelände des heutigen Rova und Andrianjaka war der erste einer Reihe von Königen, der von hier aus regierte.
Auf Befehl des Königs mussten die Untertanen in damals üblicher kollektiver Fronarbeit (fanompoana) die Sumpfebene des Flusses Ikopa, das Betsimitatatra in Reisfelder umwandeln und dazu Kanäle bauen, um den Sumpf zu entwässern. Ein reger Handelaustausch entstand und Handwerksprodukte wurden von Dorf zu Dorf ausgetauscht. Mit Holzkohle wurde Eisen geschmolzen, um sagai (Speere) und Messer herzustellen. Töpferei war sehr verbreitet. Man benutzte die Tonerde der Reisfelder, um Teller und Behälter zu machen. Zudem gebrauchte man Kuhhörner als Gefässe, flocht Matten aus Gras und stellte Seile her. Silber fand Eingang in Form von ausländischen Münzen, die zu Schmuck umgegossen wurden.
Die Merina hielten Sklaven. Oft waren es besiegte Feinde, viele gelangten aber auch durch Handelsaustausch zu ihren Besitzern. Zur Zeit des Königs Andranjaka wurden auch vermehrt Sklaven dunklerer Hautfarbe (mainty) von anderen Regionen nach Imerina gebracht. In den großen Zeiten des Sklavenhandels wurde der Verkauf von Sklaven an europäische Mächte sogar zu einer der Haupteinnahmequellen des Landes.
Andrianjaka starb 1630. Seine Nachfolger regierten nun von Analamanga aus über die Hochebene von Antananarivo:
1630 - 1650 ANDRIANTSITAKATRANDRIANA
1650 - 1670 ANDRIANTSIMITOVIAMINANDRIANDEHIBE
1670 - 1675 RAZAKATSITAKATRANDRIANA
1675 - 1710 ANDRIAMASINAVALONA
1710 - 1727 ANDRIANJAKANAVALOMANDIMBY
1727 - 1747 ANDRIANPONIMERINA
1747 - 1767 ANDRIANAVALOBEMIHISATRA
1767 - 1774 ANDRIAMBALOHERY
1774 - 1794 ANDRIANAMBOATSIMAROFY
Immer wieder brache Erbfolgestreitigkeiten aus. Auch Kriege unter den kleinen Nachbarkönigreichen waren an der Tagesordnung. 1710 folgte eine Zeit regelrechter Anarchie, die dazu führte, dass die Dörfer von Imerina wieder stärker befestigt wurden. Die Gräben wurden tiefer gebaut, die Anlagen oft vieleckig angelegt.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erscheinen die teilweise heute noch erhaltenen runden Dorfanlagen auf weniger hohen Hügeln. Archäologen haben auf Luftaufnahmen vom Gebiet des Imerina im Umkreis von 100 km um Antananarivo 16.000 (!) befestigte Dorfanlagen gezählt.
Das Königreich der Sakalava (Menabe)
Der trockene Westen Madagaskars war im 16. Jahrhundert fast menschenleer, nur die Unterläufe der Flüsse Morondava und Tsiribihina waren sporadisch besiedelt. Die Sakalava nannten das bereits dort wohnende Volk Tankarana ("Leute der Felsen"). Zwischen den Flüssen Fiherenana, der in Toliara ins Meer mündet, und dem Mangoky bildete sich allmählich das Volk der Sakalava, das vermutlich ostafrikanischen Ursprungs ist.
Die
Sakalava legten zwar befestigte Dörfer an, lebten jedoch halbnomadisch.
Ihre erste Hauptstadt war in Maneva, später in Mahabo,
beide Orte liegen östlich von Morondava.
Dies ist das Kerngebiet des Menabe. Das Reich von Menabe war
das erste große Königreich der Sakalava und wuchs unter
der Leitung des mächtigen Königs Andriandahifotsy (posthumer
Name: Andrianihananinarivo), der bis 1685 regierte, ständig
an und breitete sich über den Fluss Tsiribihina nach Norden aus.
Der König Andriamandisoarivo verlegte seinen Amtssitz in den Norden und gründete gegen Ende des 17. Jahrhunderts das Königreich Boina mit der Hauptstadt Tongay bei der Mündung des Mahavavy in der Nähe der Bucht von Boina, 60 Kilometer südöstlich von Mahajanga. Dort befinden sich noch heute die Königsgräber.
Einige Generationen später regierte die Königin Ravahiny, von 1780 bis 1808, die den Handel mit den europäischen Seefahrern vorantrieb, der jetzt auf Mahajanga konzentriert war. Die Königin besuchte Andrianampoinimerina in Antananarivo, um sich ihm zu unterwerfen, und erlaubte ihm, über die Handelsstadt von Boina, Mahajanga, Sklaven zu exportieren und Waffen einzuführen. Königin Ravahiny war die letzte grosse Herrscherin der Sakalava. Seit dem 19. Jahrhundert wird das Gebiet durch die Merina kontrolliert.
Die Betsileo Königreiche im 17. und 18. Jahrhundert
Im südlichen Teil des Hochlandes siedelten sich im 16. Jahrhundert die Betsileo an. In dieser hügeligen Region entstanden im 17. Jahrhundert vier Kleinkönigreiche:
- Als erstes das Reich Lalangina im Südosten, wo 1650-1680 der bedeutende König Rahasamanarivo regierte;
- Westlich davon das ebenso mächtige Isandra mit dem bedeutenden König Andriamanalimbetany (1750-1794), der sich mit Kanonen und anderen Schusswaffen versorgte;
- Im Norden des heutigen Betsileo-Gebietes das bevölkerungsarme Reich von Manandriana zwischen den Flüssen Ivato und Matsiatra;
- Im Süden in der Region des heutigen Städtchens Ambalavao das Königreich Arindrano.
Im 19. Jahrhundert wurden die Betsileo-Reiche von den Merina unterworfen. Fortan blieben die Betsileo getreue Gefolgsleute der Merina. Die alte Betsileostadt Mahazoarivo, der Felsenort Fanjakana und der mit drei Befestigungsgräben umfasste Ort Kianjasoa wurden im Laufe der Zeit von der Merina-Garnisonsstadt Fianarantsoa überschattet und verloren ihre einstige Bedeutung. Die Kerngebiete der Merina und der Betsileo wuchsen seitdem zunehmend zusammen.
Der Zusammenschluss der Betsimisaraka
Die nördliche Ostküste wurde um 1700 von zwei Gruppierungen bewohnt. Im Norden lebten die Antavaratra auf 450 Kilometern von Sambava bis nach Brickaville. Die Antatsimo besetzten einen 100 Kilometer langen Küstenstreifen von Marosiky bis nach Nosy Varika.
Die windgeschützte Bucht von Antongil war den europäischen Seefahrern schon seit 1515 bekannt. Der Portugiese Pedreanes nannte sie Santo Antonio, woraus die noch heute gültige Bezeichnung Antongil entstand.
Nach langen Stammesfehden war es Ratsimilaho ("der Herr, der ohne zu fragen nimmt"), der zum Begründes des Reiches der Betsimisaraka wurde. Er wurde um 1700 geboren, möglicherweise als Sohn des britischen Piraten Thomas White und der Prinzessin Rahena aus der Umgebung von Foulpointe. Ratsimilaho überzeugte die Stammesführer der Ostküste zum Zusammenschluss zur Konföderation der Betsimisaraka ("die vielen Unteilbaren"). Ratsimilaho gab sich fortan den Namen Ramaromanompo ("derjenige mit vielen Untertanen").
Als malata (Mischling) unterhielt er gute Beziehungen zu den europäischen Händlern, gelangte aber zusehends unter Druck von seiten der konkurrierenden Söhne anderer Piraten. So suchte er Unterstützung bei den starken Zafimbolamena-Sakalava, die ihrerseits von Westen her über die Schwelle von Androna (westlich von Maroantsetra) drängten, um im Betsimisaraka-Gebiet Sklaven zu jagen. Ramaromanompo heiratete bei Abschluss des Beistandspaktes eine Sakalava-Königstochter. Ihr Sohn, Zanahary, übernahm die Macht nach dem Tod von Ramaromanompo, der um 1753 als etwa Sechzigjähriger starb und in Ampanangony im Osten der Insel Ste. Marie begraben wurde.
Der sechzehnjährige Zanahary teilte das erhaltene Erbe: er selber blieb in Foulpointe (heutiger Name: Mahavelona), seine Halbschwester, Betia (Betty), erhielt Ste. Marie zugesprochen. Dort verfiel das Mädchen dem Charme von Gosse, einem Agenten der französisch-indischen Compagnie und übergab 1750 Ste. Marie der Indischen Compagnie. Die Insel Ste. Marie blieb seitdem bis 1960 französisches Hoheitsgebiet.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Franzosen auf Ste. Marie und an einigen Punkten der Ostküste etabliert, insbesondere in Tamatave (heutiger Name: Toamasina), mussten sich aber in der Folge der napoleonischen Kriege 1811 teilweise zurückziehen und einige ihrer Besitzungen an England abtreten, wie auch die Insel Ile de France (heute Mauritius) an Grossbritannien fiel.
Die Insel Bourbon (heute Réunion) kam 1814 wieder an Frankreich zurück, Mauritius blieb englisch.
Geschichte
der Piraten in Madagaskar
Der abenteuerlichste Teil der Geschichte Madagaskars spielte sich zur großen Zeit der Piraten von etwa 1690 bis 1720 ab. In diesem Zeitraum war Madagaskar der Ausgangspunkt von Raubzügen im Indischen Ozean, im Roten Meer bis hinauf zu den asiatischen Küsten. Madagaskar war mit seinen natürlichen Resourcen an Frischwasser und Holz zum Reparieren der Boote und den vielen Buchten und vorgelagerten Inseln ein ideales Versteck für die Piraten, die zumeist aus der Karibik kamen, wo die Beute immer magerer ausfiel.
Eng verknüpft mit der Geschichte der Piraten ist die Geschichte der großen Handelsgesellschaften, wie der holländischen Ostindiengesellschaft, die Güter aus den sogenannten Gewürzländern, in erster Linie Indien, nach Europa brachten. Andere Schiffe holten auf den Gewürzinseln der Molukken (Indonesien) Pfeffer, Muskat, Nelken und Ingwer. Aus Ceylon kam Zimt, Reis aus Indien, Tee und Zuckerrohr aus China. Aber auch Indigo, Salpeter, Moschus, Gold, Edelsteine und Kupfer wurden nach Europa transportiert.
Bis zum Oktober schob der südwestliche Monsunwind die Handelsschiffe nach Indien und Südostasien. Von dort starteten sie im Januar, und mit dem aus Nordost wehenden Monsunwind im Rücken segelten sie gegen Afrika und erreichten Europa mit einem Südostwind entlang der westafrikanischen Küste. Madagaskar war ein idealer Ort für die Piraten.
Auslöser der Piratenzeit im Indischen Ozean war die Kaperfahrt der Amity unter Kapitän Thomas Tew, der 1693 ein Schiff des indischen Großmoguls Arangsib kaperte, das unterwegs war nach Djidda im Roten Meer. Die Beute war so reich wie legendär, etwa 50 Millionen US Dollar nach heutiger Währung umgerechnet.
Die Mannschaften der Piratenschiffe waren international zusammengesetzt. Oft schlossen sich die Matrosen von erbeuteten Schiffen den Piraten an. Untereinander ließen sich die Freibeuter meist in Ruhe. Die europäischen Piraten heirateten auch lokale Frauen, oft Töchter von lokalen Königen. Aus diesen Verbindungen entstanden die Mischlinge der malata.
Die Piraten hielten sich vorwiegend an der Ostküste und im Norden Madagaskars auf. Auf der Insel Ste. Marie (madagassischer Name: nosy boraha) nur wenige Kilometer von der Ostküste entfernt kann man heute noch einen Piratenfriedhof besichtigen. Ein strategisch besonders günstiger Platz war die Bucht von Diégo-Suarez im äußersten Norden der Insel, ein ideales Versteck vor feindlichen Schiffen. Hier sollen die Piraten sogar ihre eigene Republik gegründet haben, die sie Libertalia nannten.
Der heutige Kenntnisstand über die Piraterie beruht in erster Linie auf Veröffentlichungen des Engländers Daniel Defoe, Autor des Romans "Robinson Crusoe". Daniel Defoe war ebenfalls Verfasser einer großen Studie über das Piratenwesen seiner Zeit. Robert Louis Stevenson ließ sich von diesen Ereignissen zu seiner "Schatzinsel" inspirieren. Auch Gerichtsakten und Aufzeichnungen aus Logbüchern und Geschäftsprotokollen der Handelsgesellschaften werden für die Piratenforschung ausgewertet.
Die
politische Einigung Madagaskars und Könige nach 1794
Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Vereinigung der Königreiche Madagaskars zu einem einzigen Staat vorangetrieben. Kleinere Königreiche schlossen sich zusammen oder wurden von größeren erobert. Ein Schlüsseljahr in der Geschichte Madagaskars ist das Jahr 1794, das Jahr der Eroberung Antananarivos durch König Andrianampoinimerina, der bis heute als größter Herrscher Madagaskars verehrt wird.
Andrianampoinimerina
1783
stürzte Ramboasalama ("bissiger Hund")
seinen Onkel Andrianjafy vom Thron von Ambohimanga und
erklärte sich zum neuen Herrscher von Ambohimanga unter dem Namen Andrianampoinimerinandriantsimitoviaminanandriampanjaka,
kurz Andrianampoinimerina ("Herr des Imerina").
Er schloss einen Friedenspakt mit den beiden Nachbarkönigen von
Antananarivo und von Ambohidratrimo und führte einen sieben Jahre
dauernden Krieg gegen seinen direkten Nachbarn, den König von
Ilafy, in dessen Folge die Befestigungsanlagen der beiden Königssitze
immer weiter ausgebaut wurden. Nach der Eroberung von Ilafy hob Andrianampoinimerina 1794
einseitig den Nichtangriffspakt auf und setzte sofort seine Armee zum
Sturm auf Antananarivo in Marsch, das er nach drei Anläufen 1794
eroberte. Nach der Einnahme des Königshügels Analamanga mit
dem –› Rova-Palast machte Andrianampoinimerina Antananarivo zur
Hauptstadt seines neuen, immer größer werdenden Reiches.
Sogleich nach der Eroberung von Antananarivo zog Andrianampoinimerina nach Süden, um die an sein Reich angrenzenden Kleinkönige zu unterwerfen, dann nach Osten bis Ambatomanga mit dem Ziel, die Bezanozano und Sihanaka zurückzuwerfen. Dann nahm er den Hügel von Ambohidratrimo ein. Innerhalb kurzer Zeit befand sich das Kernland von Imerina in einem Umkreis von 50 km um Antananarivo unter Kontrolle von Andrianampoinimerina.
Verwaltungstechnisch teilte Andrianampoinimerina das Imerina in sechs Territorien auf, die den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Clans der Gebiete Rechnung trugen:
- die Avaradrano im Norden und Nordosten von Antananarivo wurden die Väter der Menschen genannt, weil sie die ersten waren, die das Gebiet des Imerina besiedelten und das Königreich von Ambohimanga gründeten;
- die Vkinisaony siedelten im Osten mit ihrem Chef Rafiara;
- die Ambodirano im Westen mit ihrem Chef Razakatahiny im Westen und Südwesten;
- die Marovatana mit ihrem Chef Tsiampiry im Norden;
- die Vonizongo nördlich vom Gebiet der Marovatana mit Ralambotiandrainy als Chef;
- die Vakinankaratra südlich des Ankaratra-Gebirges im Süden von Antananarivo mit Andriantsileondrafy als Chef;
Die Erfolge seiner Kriegspolitik ließen Andrianampoinimerina bald von einem noch größeren Reich träumen. Erneut zog er nach Süden wo er drei der vier Königreiche der Betsileo eroberte. Wer sich nicht ergab, wurde umgebracht, die Häuser und Dörfer wurden zerstört. Die Überlebenden wurden als Sklaven verkauft.
Andrianampoinimerina empfing die Sakalava-Königin Ravahiny von Boina offiziell in Antananarivo, die sich gegenüber dem König von Imerina als Kind bezeichnete und sich ihm so unterstellte.
Allein der König hatte die absolute Macht und das Recht über Leben und Tod seiner Untergebenen. Er war der Besitzer der Erde: ahy ny tany ("Ich bin die Erde"). Er hatte zwar einen Herrschaftsanspruch über die ganze Insel: Ny ranomasina no valapariako („das Meer ist die Grenze meines Reisfeldes“). Allerdings hat Andrianampoinimerina das Meer selber nie gesehen.
Mitgliedern der königlichen Familie gab er Territorien (menakely) zur Verwaltung, in denen sie Steuern erheben und Zwangsarbeit anordnen durften. Die königlichen Territorien (menabe) unterstanden direkt dem König und wurden von Funktionären (vadintany) als königliche Abgesandte verwaltet.
Zwölf Königsfrauen bekamen besondere Privilegien zugestanden. Andrianampoinimerina hatte sie meist aus politischen Gründen geheiratet. Sie waren enge Verwandte von lokalen Chefs und Königen und wohnten in Residenzen auf den zwölf heiligen Hügeln rings um Antananarivo. Diese Ehefrauen wurden "vadim-panjakana" genannt, Frauen der Macht. Durch diese strategischen Heiratsallianzen und Schaffung von Familienbanden befriedete Andrianampoinimerina die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Imerina. Die zwölf heiligen Hügel genießen noch heute bei den Merina eine fast mythische Verehrung.
Die Zahl zwölf als mystische Zahl der Einheit hatte allerdings nur symbolischen Charakter. Es gibt weder 12 Frauen noch 12 Hügel. Andrianampoinimerina dürfte etwa 50 Frauen geheiratet haben. Allerdings wurden nicht wenige seiner Ehefrauen wegen Untreue oder aus königlichem Überdruß hingerichtet, wie vom Historiker Raombana in seiner Geschichte Madagaskars berichtet wird. Folgende Haupt-Ehefrauen von Andrianampoinimerina werden überliefert:
- Rabodonimerina war die erste Frau Andrianmpoinimerinas; sie war die Tochter von Renibodonimerina, die ebenfalls von Andrianampoinimerina geheiratet wurde; sie wurde in Avaradrano angesiedelt, aber später wegen Hexerei hingerichtet;
- Rafotsirahisatra wohnte in Fandana, nördlich von Antanamalaza; mit ihr hatte Andrianampoinimerina einen Sohn: Ratsararay;
- Ramiangaly wohnte in Ambohipoloalina; sie hatte keine Kinder und starb 1881 eines natürlichen Todes;
- Rasendrasoa bekam Ambohitrabiby als Wohnsitz, wo sie auch beigesetzt wurde; sie hatte zwei Söhne, Ravaozokiny und Ravaozandriny (Ravaobe);
- Ramanantenasoa war die Tochter von Andrianavalonjafy aus Alsora; sie verblieb in Alasora und hatte zwei Kinder von Andrianampoinimerina: Ramavolahy, auch Somotra genannt, der wegen Konspiration hingerichtet wurde, und Ramatoaratavy; sie trennte sich später von Andrianampoinimerina und heiratete Andriamanoro; mit ihrem neuen Ehemann hatte sie vier Kinder; eine ihrer Töchter aus der zweiten Ehe, Rasamona, wurde später ebenfalls Ehefrau von Andrianampoinimerina; die anderen Kinder wurden nach Kaloy verbannt als Andrianampoinimerina Ramanantenasoa später erneut heiratete;
- Rambolamasoandro war die Tochter von Rabelanonana aus Marovatana; sie hatte fünf Kinder mit Andrianampoinimerina;
- Ramatoaramisa aus Alasora wurde von Andrianampoinimerina in Ambohitrinimanjaka angesiedelt, sie hatte eine Tochter: Ramasy;
- Rasoamananoro war die Tochter von von Rabodomanana und wurde in Ambohimirimo angesiedelt; sie hatte einen Sohn;
- Ravaonimerina Tochter von Andrianamboatsimarofy stammte aus Antananarivo und sollte den Süden des Imerina kontrollieren; sie hatte keine Kinder;
- Ravaomanjaka;
- Razafitrimo;
- Ravolamisa stammte aus Alasora und wurde von Andrinanampoinimerina in Fenoarivo angesiedelt, wo sie drei Kinder gebar;
- Rabodozafimanjaka war die Tochter von Andriantsira, König von Alasora; sie wurde von Andrianampoinimerina in Antsahadinta südlich von Antananarivo angesiedelt und hatte eine Tochter von ihm, Rakarabo, meine Urgroßmutter; auch die Schwestern und Cousinen von Rabodozafimanjaka, Rafotsirabodomiraralahy, Rafotsirahety, Ramanantenasoa und Rasamona wurden von Andrianampoinimerina mit dem Ziel geheiratet, das Gebiet der Vakinisisaony zu kontrollieren.
Andrianampoinimerina verbot die Wiederaufforstung, um Platz für weitere Kulturen freizuhalten. Er förderte den Anbau von Maniok und Süsskartoffeln.
Durch die Schaffung von Märkten (tsena) entstand ein aufblühender Binnenhandel. Jeder wichtige Ort hatte seine regelmäßigen Märkte. In Antananarivo gab es sogar einen täglichen Markt. Der Handel war frei. Andrianampoinimerina achtete auch auf die Gewährleistung der Sicherheit auf den Märkten. Jeden Markt betrachete er als Teil seines Palastes. Jeglicher Diebstahl auf einem Markt wurde infolgedessen mit dem Tode bestraft.
Ochsenkarren waren zur Zeit Andrianampoinimerinas noch unbekannt. Waren wurden auf den Rücken von Männern getragen. Hochgestellte Persönlichkeiten wurden auf Tragstühlen (filanjana) transportiert, die von vier Trägern auf den Schultern getragen wurden. Daher existierten zur jener Zeit auch keine Straßen in Madagaskar. Lediglich schmale Trampelpfade durchzogen das Land.
Andrianampoinimerina schuf einen modernen Staat mit einem Rechtssystem und einer einheitlichen Landessprache. Er wird daher bis heute als großer König und Begründer des Staates Madagaskar verehrt, auch wenn einige Aspekte seiner Herrschaft aus heutiger Sicht eher verabscheuungswürdig erscheinen, wie die Tatsache, dass die Quelle seines Reichtums in erster Linie der Sklavenhandel mit europäischen Kolonialmächten war, denen er die Überlebenden der Dörfer, die er während seiner Feldzüge eroberte, als Sklaven verkaufte, mit der pikanten Note, dass den Bedauernswerten auch noch erzählt wurde, dass sie für kanibalische Festgelage bei den Europäern verkauft wurden.
Eine andere aus heutiger Sicht ungerecht erscheinende Sitte ist der Gebrauch des sogenannten Gottesurteils bei ungeklärter Rechtslage (tanguin): den Verdächtigen - oft allen Einwohnern eines Dorfes - wurde Gift verabreicht, das in drei Stückchen Hühnerhaut eingenäht war. Wer starb, war schuldig, wer überlebte, war unschuldig.
Auch die Rechtsprechung, die die Position des Königs als absolutistischem Herrscher unterstrich, mag heute streng erscheinen. Die Todesstrafe wurde vollstreckt nicht nur für Diebstahl oder Korruption, sondern auch für jede Art von Aktion, die den Herrscher in seiner göttähnlichen Position in Frage stellte.
Andrianampoinimerina starb 1810 und wurde in seinem Heimatkönigssitz in Ambohimanga feierlich beigesetzt. Sein Leichnam wurde später von den Franzosen nach Antananarivo auf das Gelände des Rova in die Gräber der Könige überführt.
RADAMA I
Radama,
der Sohn von Andrianampoinimerina wurde 1810 König von Madagaskar
und behielt seinen Regierungssitz im Rova von Antananarivo,
das sich nun als Hauptstadt des Königreichs von Madagaskar bezeichnen
konnte, bei.
Radama setzte das Werk seines Vater, die Unterwerfung der ganzen Insel konsequent fort. Der Name Radama war übrigens vom biblischen Urvater Adam (Ra-Adam) abgeleitet, was einen islamischen geprägten Hintergrund belegt, ohne daß die Königfamilie selber dem islamischen Glauben zuzurechnen war. Islamische Siedler bevölkerten seit dem elften Jahrhundert die Ostküste der Insel und hatten durch ihre Schriftgelehrten und Sterndeuter einen gewissen Einfluss, der bis in das Königshaus reichte.
Sofort nach dem Amtsantritt von Radama brachen in einigen Provinzen Unruhen aus gegen die Unterwerfung durch die neue Zentralgewalt, die sich unter Andrianampoinimerina in Antananarivo etabliert hatte. Daher musste Radama bereits im seinem ersten Amtsjahr seine Truppen mobilisieren und marschierte in das Gebiet der Bezanozano nach Ambatomanga, um die Unterwerfung des dortigen Königs Rabeniriona zu erzwingen. Bemerkenswert an diesem Angriff war die Tatsache, dass bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal nicht nur die traditionellen madagassischen Waffen und Gewehre, sondern auch neu erworbene Kanonen eingesetzt wurden.
Während seiner Amtszeit öffnete Radama I die Insel Madagaskar vorsichtig gegenüber dem Ausland, wobei er vorzugsweise Kontakte zu den Engländern suchte, die sich mit den Franzosen um die Vorherrschaft im indischen Ozean stritten und sich auf der Insel Mauritius etabliert hatten. Er gründete eine moderne Armee nach englischem Vorbild. Einige junge Adelige wurden zur Ausbildung nach England geschickt. Auch Botschafter wurden zwischen den beiden Ländern ausgetauscht.
1817
zog der Merina-König Radama I mit
25.000 Soldaten, trainiert von britischen Instruktoren an die Ostküste, überfiel
das 1000 Häuser Dorf Ivondrona,
10 km südlich von Tamatave gelegen, wo Fisatra, der ältere
Bruder von Jean-René, herrschte. Alarmiert durch den unerwarteten
militärischen Einfall aus dem Hochland, verliess Jean-René mit
seiner Familie fluchtartig die Stadt. Zufällig jedoch kreuzte
eine englische Fregatte vor Tamatave auf und handelte einen akzeptablen
Kompromiss aus: Jean-René anerkannte Radama I als König
von Madagaskar, ihm wurde dafür die Herrschaft über die Ostküste
zugestanden. Beide hatten nicht mehr gewollt. Radama I kehrte als vermeintlicher
Sieger ins kühlere Hochland zurück, er hatte innerhalb von
wenigen Tagen aufgrund von Krankheit und Nachschubproblemen 4000 Soldaten
verloren.
In den folgenden Jahren wurden drei Befestigungsanlagen
(manda) an der Ostküste
errrichtet, die gegen eine drohende Invasion der Franzosen von ihrer
Besitzung auf der dem madagassischen Festland vorgelagerten Insel
Sainte
Marie (heutiger Name: Nosy Boraha) schützen sollten: Foulpointe, Mahamba und Betampona.
Das Fort von Foulpointe (heutiger Name: Mahavelona)
liegt 60 km nördlich der Hafenstadt Tamatave an der Ostküste
und ist immer noch gut erhalten und kann besichtigt werden (im Rathaus
von Mahavelona nachfragen).
Unter der Regentschaft von Radma I gab es erste industrielle Ansiedlungen der Engländer an der Ostküste (in der Gegend von Foulpointe, 50 km nördlich von Tamatave). Englische Missionare von der "London Missionary Society" übersetzten die Bibel in das Madagassische und führten die lateinische Schrift ein. 1828 starb Radama I, wahrscheinlich an den Folgen von exzessivem Alkoholgenuß.
Ranavalona I
Der
Tod Radamas wurde zunächst geheimgehalten. Seine Ehefrau Ramavo wurde
zum Zentrum einer Palastrevolution, die sie an die Macht bringen sollte.
Um Ansprüche der Familie von Radama auf die Herrschaft im Keime
zu ersticken, wurden seine nächsten Angehörigen ermordet,
darunter Radamas Mutter, zwei seiner Ehefrauen, sein Lieblingsneffe
Rakotobe, dessen Vater Ratefy und seine Tochter Raketaka.
Unter dem Namen Ranavalona I regierte Radamas Witwe von nun an das Land mit eiserner und grausamer Hand. Folterungen und Hinrichtungen waren unter ihrer Regentschaft an der Tagesordnung. Sie verbannte nach und nach fast alle Ausländer von der Insel und brach die diplomatischen Beziehungen zum Ausland ab. Die Ausübung des christlichen Glaubens wurde ebenfalls verboten.
Während der Regierungszeit von Ranavalona I wurde der Bau des großen hölzernen zentralen Palastes, des Manjakamadiana, der den Rova von Antananarivo von nun an dominieren sollte, unternommen.
In die Regierungszeit Ranavalonas fiel 1857 Ida Pfeiffers Reise nach Madagaskar, wo sie die Königin besuchen durfte. Ida Pfeiffer stammte aus Wien und bereiste alleine fast die ganze Welt. In ihrem Buch "Verschwörung im Regenwald", das immer noch erhältlich ist, berichtet sie von ihren Abenteuern in Madagaskar. Da sie in eine Verschwörung des Sohnes der Königin gegen Ranavolana verwickelt wurde, musste sie die Insel schließlich Hals über Kopf verlassen. Sie starb ein Jahr nach ihrer Rückkehr in Wien an den Folgen einer Malariainfektion, die sie sich wahrscheinlich in Madagaskar zugezogen hatte.
Buchtipp: Ida Pfeiffer "Verschwörung
im Regenwald" |
| Die weltreisende Wienerin Ida Pfeiffer liefert eine authentische Beschreibung des Lebens um 1857 in Madagaskar; sie gerät während ihres Aufenthaltes in eine Verschwörung gegen die Königin |
Der Franzose Jean Laborde war einer der wenigen Europäer, die während der Regierungszeit von Ranavalona I in Madagaskar geduldet wurde. Der genial Ingenieur schuf in der Gegend von Mantasoa den ersten schwerindustriellen Standort Madagaskars, an dem bis zu 20.000 Menschen arbeiteten und Kanonen und andere Waffen für die Königin herstellten.
RADAMA II
1861 - 1863 RADAMA II: der zweite Radama (Geburtsname Rakoto) war der Sohn von Ranavalona I. Er war gemäßigt und begann während seiner kurzen Regierungszeit wieder Kontakte zum Ausland aufzunehmen und räumte den Franzosen besondere Rechte ein ("Charte Lambert"). Sein liberaler Kurs gefiel jedoch nicht allen und er wurde bereits nach zwei Jahren Amtszeit ermordet.
RASOHERINA
1863 - 1868 RASOHERINA: sie war die (erste) Witwe von Radama II. Sie wandte sich während ihrer Regierungszeit wieder den Engländern zu, denen sie besondere Privilegien einräumte.
Rasoherina heiratete
den Premierminister Rainilaiarivony, der als graue
Eminenz im Hintergrund die eigentliche Macht ausübte und in der
Folge auch von den beiden Nachfolgerinnen auf dem Königstron geheiratet
wurde.
Rainilaiarivony (Geburtsname Radilifera) entstammte einer Familie von Premierministern. Sein Vater Rainiharo war bereits von 1833 bis zu seinem Tod im Jahre 1852 Premierminister von Königin Ranavalona I, sein Bruder Rainivoninahitriniony (Geburtsname Rahazo) war in der Nachfolge seines Vaters Premierminister von Ranavolona I und erster Premierminister von Rasoherina. Rainilaiarivony fungierte als graue Eminenz im Hintergrund, der die eigentliche Macht in Madagaskar ausübte, und heiratete in der Folge auch die beiden folgenden Königinnen.
RANAVALONA II
1868
- 1883 RANAVALONA II: sie war die zweite Witwe von Radama II. Ihre
Regierungszeit war geprägt durch den Wechsel von den Naturreligionen
zum Christentum, zumindest für den Stamm der regierenden Merina.
Sie wurde 1869 christlich getauft. Alle heidnischen Insignien und Talismane
(ody) wurden auf ihren Befehl hin zerstört. Sie begann
kurz nach ihrer Intronisierung mit dem Bau der ersten (evangelischen)
Kirche auf den Areal des Rova (fiangonan' Anatirova), die dort
bis heute zu besichtigen ist.
Am Ende ihrer Regentschaft, am 15. Mai 1883, wurde von Ihrem Botschafter in Berlin ein deutsch-madagassischer Freundschaftsvertrag mit Kaiser Wilhelm I unterzeichnet, der die ewige Freundschaft zwischen beiden Völkern bekräftigte und unter anderem die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern regelte.
Ranavalona III
1883
- 1896 RANAVALONA III: Ranavalona III war die Nichte ihrer Vorgängerin.
In ihre kurze Regierungszeit fiel der Krieg mit Frankreich und die
anschließende Annektion der Insel Madagaskar durch die Franzosen.
Sie wurde 1896 von den Franzosen ins Exil geschickt, zunächst
nach La Réunion später nach Algerien, wo sie 1916
starb.
Das Ende der Monarchie
Bereits 1883 hatten die Franzosen versucht, mit Gewalt wieder in Madagaskar Fuß zu fassen. Ein zweijähriger Krieg begann.
Aus dieser Kriegsperiode, die mit der Niederlage der Franzosen endete, entstammte übrigens der erste deutsch-madagassische Freundschaftsvertrag, der im Mai 1883 zwischen Ranavalona II und dem deutschen Kaiser Wilhelm I abgeschlossen wurde und unter anderem deutschen Handelshäusern bevorzugte Stellungen in Madagaskar einräumte. Hier besonders zu erwähnen ist das Handelhaus O'swald, das mehrere Niederlassungen auf Madagaskar gründete.
Zunächst gelang es den Armeen von Ranavalona III die Franzosen zurückzuschlagen. 1896 wurde aber schließlich ein französisches Protektorat in Madagaskar etabliert und Ranavalona III wurde von den französischen Besatzern zusammen mit ihrem Premierminister ins Exil nach Algerien geschickt.
Die
Europäer entdecken Madagaskar (ab 1500)
Im Jahr 1500 kam als erster Europäer der portugiesische Seefahrer Diego Diaz auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien auf die Insel, die von ihm Saint Laurent (Ilha de San Lourenco) genannt wurde. Diaz landete im äußersten Norden in der heutigen Stadt Diego Suarez (madagassisch Antseranana), die von ihm ihren Namen geerbt hat. Auch spanische Handelsschiffe, die zu den westindischen Inseln fuhren, dürften kurze Zeit später Kontakte zur Insel Madagaskar gehabt haben.
Die Franzosen nannten die Insel etwas später "Ile Dauphine". Der Name "Madagaskar" bürgerte sich erst im Laufe des 17. Jahrhundert ein. Auch holländische und englische Seefahrer kamen nach Madagaskar versuchten auf der Insel Stützpunkte zu errichten, was ansatzweise auch einige Male gelang, aber keine der Niederlassungen konnte sich über längere Zeit behaupten, da es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Einheimischen kam.
1642 wurde Madagaskar von König Ludwig XIII zum französischen Besitztum deklariert. Zwei Handelsgesellschaften wurden ermächtigt, die Insel auszubeuten. Im Süden der Insel wurde eine Befestigungsanlage, das "Fort Dauphin" errichtet, dessen Überreste noch heute zu besichtigen sind.
Der
erste Europäer, der sich durch seine wissenschaftlichen Arbeiten über
Madagaskar und auch als erster "französischer
Gouverneur" von Besitzungen auf Madagaskar hervortat, war Etienne
de Flacourt. Er arbeitete im Auftrag der "Compagnie
des Indes orientales" und hielt sich von 1648 bis 1655
in Madagaskars Süden im heutigen Gebiet der Antanosy auf. Auf
ihn geht die Gründung der Militärgarnison "Fort Dauphin" zurück.
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich verfasste Flacourt 1658 die "Histoire
de la Grande Ile de Madagascar". Dieses Werk war für
fast 200 Jahre das einzige und vollständigste Standardwerk über
die Rote Insel.
Immer wieder kam es zu Auseinandersetzugen mit den Einheimischen und die Niederlassung der Franzosen musste 1674 nach heftigen Kämpfen endgültig aufgegeben werden.
Bis in das späte achtzehnte Jahrhundert hinein war das Innere der großen Insel den Europäern so gut wie unbekannt. Alle Kenntnisse entstammten Erzählungen der Küstenbewohner. Die ersten Europäer, die in das Innere der Insel vordrangen, waren Sklavenhändler wie der Franzose Mayeur, der madagassisch sprach und über seine Reisen ein Tagebuch führte.
Im beginnenden neunzehnten Jahrhundert waren es die Engländer und die Franzosen, die mit wechselndem Erfolg um die Vergrößerung ihres Einflussbereiches im indischen Ozeane kämpften. Die Engländer konnten Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit Hilfe ihrer Missionare die evangelische Kirche in Teilen von Madagaskar etablieren und übersetzten die Bibel in das Madagassische. Sie wurden aber unter Ranavalona I wieder aus Madagaskar vertrieben und zogen sich auf ihren Stützpunkt auf der Insel Mauritius zurück. Die Franzosen konzentrierten sich währenddessen auf die kleine Nachbarinsel Reunion, auf der sie sich dauerhaft (bis heute) einrichteten.
Die
Französische Kolonialzeit (1896 - 1960)
Letztendlich waren es dann aber die Franzosen, die nach einem zehnjährigen Protektorat mit brutaler Militärgewalt bei großen eigenen Verlusten Madagaskar unterwarfen und 1896 zu ihrer Kolonie machten. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Regierung war die Abschaffung der Sklaverei und der Monarchie. Der Landbesitz ging in die Hände der Franzosen über. Die Königin Ranavalona III wurde ins Exil nach Algier geschickt, wo sie wenige Jahre später starb.
Der Ausbau der Verkehrswege wurde sofort begonnen mit dem Bau von Eisenbahnlinien, Kanälen und Straßen, um so die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Landes zu vereinfachen und den Transport zu beschleunigen. Die Landwirtschaft auf den Bedarf der Einwohner Frankreichs ausgerichtet, insbesondere Zuckererzeugung in großen Zuckerrohrplantagen, aber auch der Anbau von Gewürzen wie Vanille, Nelken und Pfeffer standen im Vordergrund. Die Franzosen herrschten mit brutaler und repressiver Gewalt. Bei Widerstand der Bevölkerung wurden zur Abschreckung oft ganze Ortschaften dem Erdboden gleich gemacht und die Bewohner hingemetzelt.
Die französische Kolonialzeit, die bis zum Jahr 1960 dauerte, richtete die madagassische Verwaltung nach französischem Vorbild aus, französiche Großgrundbesitzer pflanzten alles, was sich in der Rubrik Kolonialwaren in Europa gut vermarkten ließ.
Im ersten Weltkrieg kämpften madagassische Soldaten an der Seite der Franzosen in den Gräben von Verdun gegen die Deutschen. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch der Spitzname der Deutschen in Madagaskar: "rainiboto", lautmalerisch vom Schlachtruf der französischen Soldaten abgeleitet "Le Rhin est le but!".
Während des zweiten Weltkrieges stand Madagaskar zunächst unter der Verwaltung von Vichy, wurde dann von 1941 bis 1943 von den Engländern besetzt, die es nach der Befreiung Frankreichs wieder an das neue Frankreich zurückgaben.
1947 flammten an der Ostküste Aufstände von Landarbeitern auf. Eine Bewegung zur Befreiung Madagaskars von den französischen Kolonialherren gründete sich. Die Franzosen reagierten hart. Die madagassischen Abgeordneten der Nationalversammlung wurden umgehend verhaftet und zum Tode verurteilt, ohne dass man ihnen eine Beteiligung an den Aufständen nachweisen konnte. Nach offiziellen Angaben wurden 89.000 Madagassen hingerichtet oder bei Kämpfen erschossen. Wahrscheinlich kamen aber weit mehr ums Leben, obwohl es auf französicher Seite quasi keine Opfer gab. Bis heute wird dieses dunkle Kapitel der französischen Kolonialpolitik gerne in französischen Geschichtsbüchern vergessen.
1960 zogen sich die Franzosen endlich von der großen Insel zurück. Madagaskar wurde ein unabhängiger Staat.
Erste
Deutsche und Österreicher erforschen Madagaskar
Ida Pfeiffer (*1797 in Wien; †1858 ebenda) war eine österreichische Entdeckerin und Reiseschriftstellerin. Bekannt wurde sie als erste Frau, die alleine um die Welt gereist ist. 1857 reiste sie nach Madagaskar, wo sie mit der dortigen Königin Ranavalona I in einen Konflikt geriet. Diese ließ sie nach einem Haftaufenthalt des Landes verweisen. Ihre Erlebnisse schilderte sie nach ihrer Rückkehr nach Wien in ihrem Buch "Verschwörung im Regenwald", das auch heute noch erhältlich ist. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Wien starb Ida Pfeiffer am Madagaskar-Fieber, der Malaria.
Dr. Christian Rutenberg (*1851 - †1878) war Augenarzt und Naturforscher und traf im Oktober 1877 in Vohemar in Madagaskar ein. Er reiste im Westen und im Hochland, war Mitte Dezember in Privataudienz bei Premierminister Rainilaiarivony. Bereits am 28. August 1878 fand er am Maningoza ein gewaltsames Ende. Er wurde von zwei Sakalaven seiner Begleitung ermordet. Seine naturwissenschaftliche Sammlung mit einigen Tieren und über 600 Pflanzenarten aus Madagaskar gelangte später nach Bremen, darunter waren ein Laubfrosch (Hyperolius Rutenbergi), zwei Spinnenarten sowie 5 Pflanzengattungen und 168 Pflanzenarten. Einige wurden nach Rutenberg benannt. (weiterführende Literatur: Die Rutenbergs von Horst Kalthoff, erschienen im Kaden Verlag, 2008)
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich das Hamburger Handelshaus O'Swald in Madagaskar nieder und unterzeichnet 1883 ein Abkommen mit der Königin von Madagaskar, übrigens in demselben Jahr, in dem auch der erste deutsch-madagassische Freundschftsvertrag geschlossen wurde. In der Folgezeit eröffnet der Familienspross Henry O'Swald zahlreiche Handelskontore in ganz Madagaskar und sammelt Kunstobjekte, die später in die Sammlung des Linden-Museums in Stuttgart einflossen.
Dr. Alfred Voeltzkow (*1860 - †1943) war Naturkundler und unternahm ab 1889 mehrere langjährige Forschungsreisen nach Madagaskar, von denen er eine große Anzahl von Sammelstücken mitbrachte, die heute zur Sammlung des Linden-Museums in Stuttgart gehören, aber leider dort nicht mehr ausgestellt sind.
Der fränkische Schriftsteller Friedrich Schnack (*1888 - †1977; Pseudonym: Charles Ferdinand) war ein sehr produktiver Dichter, Schriftsteller und Journalist und hat im Jahr 1930 auf Madagaskar gelebt. 1931 erschien sein Buch "Auf ferner Insel - Glückliche Zeit in Madagaskar", in dem er von seinem Madagaskaraufenthalt berichtet. Friedrich Schnack erzählt Geschichten aus dem madagassischen Alltagsleben, die sehr viel Sympathie für das Land und seine Menschen ausstrahlen. Das Buch ist in der Folge unter dem Titel "Große Insel Madagaskar" mehrmals überarbeitet und neu aufgelegt worden. Ein weiterer Titel erschien 1949: "Vontaka - Stern der Steppe". Beide Bücher sind mit Fotografien des Autors versehen.
Die
Republik Madagaskar (seit 1960)
Am 26. Juni 1960 wird die unabhängige Republik von Madagaskar ausgerufen und Madagskar wird wieder ein unabhängiger und eigenständiger Staat mit einem eigenen Sitz in der UNO. Der erste Präsident Madagaskars wird Philibert Tsiranana.
Trotz der polititschen Unabhängigkeit von Frankreich ist der französische Einfluss im täglichen Leben und in den Geschäftsbeziehungen bis heute immer noch überdeutlich spürbar, bis heute bestärkt durch ständig erneuerte Kooperationsverträge, die seit der Unabhängigkeit zwischen Frankreich und Madagaskar abgeschlossen wurden.
Revolten im Süden Madagaskars führten 1971 zu Unruhen und schließlich zu einem Machtwechsel.
1975 wurde Didier Ratsiraka nach Studentenrevolten und einen Militärputsch zum Präsidenten der sozialistischen Republik Madagaskar ausgerufen. In den folgenden Jahren wurde Madagaskar durch seine stalinistisch-kommunistisch orientierte Militärregierung wirtschaftlich zu Grunde gerichtet.
1991 wurde Ratsiraka durch Volksaufstände zum Rücktritt gezwungen und eine demokratische Verfassung auf Basis einer Präsidialdemokratie trat in Kraft. Albert Zafy wurde 1993 zum neuen Präsidenten Madagaskars gewählt. Eine neue Verfassung trat in Kraft.
Bei vorgezogenen Präsidentschaftswahlen im Jahre 1996 unterlag Zafy und der alte Diktator Didier Ratsiraka feierte sein Comeback und wurde erneut zum Präsidenten des Landes gewählt, jetzt allerdings unter republikanisch-demokratischen Vorzeichen.
Die Präsidentschaftswahlen im Jahre 2001 brachten dem Herausforderer Marc Ravalomanana zwar die Mehrheit der Stimmen, aber durch Wahlmanipulationen versuchte sich Didier Ratsiraka weiterhin im Amt zu halten. Erst im Juni des Jahres 2002 musste Didier Ratsiraka sich nach politischer Intervention der Vereinigten Staaten geschlagen geben und ging ins Exil nach Frankreich.
Marc Ravalomanana versuchte sein Land dem immer noch starken französischen Einfluss zu entziehen. Ein wichtiger Fokus seiner Politik lag auch auf dem Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. 2007 besuchte Marc Ravalomanana zum zweiten Mal Deutschland, als Gegenbesuch des deutschen Präsidenten Köhler in Madagaskar im Jahre 2006, und stellte sein Zukunftsproject MAP (Madagascar Action Plan) vor. Sein Besuch unterstrich die steigende Bedeutung, die Deutschland in den Außenbeziehungen Madagaskars heute einnimmt.
Die Situation in Madagaskar seit März 2009
Nach einer schweren innenpolitischen Krise in Madagaskar kam es am 17. März 2009 zu einem gewaltsamen, nichtdemokratischen Machtwechsel. Der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt, Berufsqualifikation: Diskjockey, André Rajoelina, erklärte sich in Absprache mit Vertretern des Militärs zum Präsidenten einer Übergangsregierung. Anmerkung: bei demokratischen Wahlen hätte Rajoelina übrigens erst gar nicht antreten dürfen, da er mit 35 Jahren laut Verfassung für ein Präsidentenamt zu jung ist.
Die Krise, die schließlich zum Militärputsch führte, hatte mit friedlichen Demonstrationen gegen die Regierung nach der Schließung eines populären, regierungskritischen Fernsehsenders begonnen. Sie eskalierte jedoch schnell zu landesweiten Ausschreitungen und Plünderungen mit mehr als 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Insbesondere der sogenannte Daewoo-Deal, der dem koreanischen Konzern Daewoo über 1 Mio. Hektar Land für landwirtschaftliche Nutzung überlassen wollte, stieß in der Bevölkerung auf wachsenden Widerstand.
Die internationale Gemeinschaft rief seitdem immer wieder die politischen Kräfte in Madagaskar auf, zu einem geordneten, verfassungskonformen Prozess zurückzukehren. Einen ersten ernst zu nehmenden Versuch gab es im August 2009, als sich die politischen Führer der wichtigsten Gruppierungen Madagaskars, darunter der alte, legitim gewählte, und der neue, selbsternannte, Präsident in Maputu zu einem Gipfel trafen. Auf die Umsetzung der Verhandlungsergebnisse wird immer noch gewartet.
Politisch und wirtschaftlich ist Madagaskar seit März 2009 immer noch vollständig isoliert und handlungsunfähig. Auch der afrikanische Staatenbund hat Madagaskar ausgeschlossen.
Weiterführende Informationen: Rova von Antananarivo - Traditionen - ehtnische Gruppen von Madagaskar

